Tagebuch Teil 5

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4 Wochen danach

Ach … du … meine … Güte!

Jetzt nur keine Panik. Nicht hyperventilieren und die Fassung verlieren. Das wäre denkbar ungünstig.
Nicht jetzt!

60 Augen starren mich an. 30 Personen, die ihren Blick fest auf mich heften. Jede meiner Bewegung, jedes Zucken meiner Muskeln wahrnehmen.
Mein Herz beginnt zu rasen. Ich spüre, wie es sich mit seinen kräftigen Schlägen langsam meinen Hals hinauf arbeitet. Es ackert hart. So hart, dass ich es mitbekomme, wie es einen Fluchtversuch startet, es kurz davor ist, aus mir herauszuspringen. Ich schlucke. Will so mein Herz wieder herunterschlucken. Es misslingt. Sofort starte ich einen weiteren Versuch, bevor sich meine Kehle gänzlich zusammenschnürt.
Zum Glück. Sonst wäre ich wohl tot umgefallen.

Mein Hirn setzt für einige Stunden aus.
Nein. Es sind nur Sekunden.

Was ist das nur?

Ich schließe kurz die Augen und hole tief Luft, bevor ich die Lider blinzelnd wieder öffne.
Nanu?
Hat sich der Raum verdunkelt? Mein Kopf dreht nach links und sucht verzweifelt nach dem Grund. Ich erblicke einen jungen Mann hinter einer Mauer von futuristisch anmutenden Gerätschaften, und bekomme ein aufmunterndes Nicken vom ihm. Sein Zeigefinger deutet auf meine rechte Hand, die sich auf einmal sehr schwer anfühlt. Schwer wie ein Amboss.
Ich sehe an mir herunter und mein Blick wandert ebenfalls zur Hand. Meine Finger krallen sich fest um einen schwarzen, 20 Zentimeter langen Stock, dessen Ende in einem schwarzen kleinen Ball steckt.  Sie umklammern den Stock sich so fest, als würde mein Leben davon abhängen. Meine Fingerknöchel treten weiß hervor, und die Handfläche beginnt feucht zu werden. Ich suche einen Ausweg und wende meine Aufmerksamkeit der anderen Hand zu.
In ihr halte ich zwei DIN-A 4 Zettel. Meinen Körper durchzuckt ein Schaudern.

Irgendwie muss ich mich beruhigen. Automatisch schreite ich einen Schritt rückwärts. Dann noch einen. Und noch einen, bis ich etwas in meinem Rücken spüre. Ein Stehtisch beendet abruppt meine Aktion, in dem er den Rand seiner kalten Tischplatte in meinem Rücken presst. Hastig drehe ich mich um und erblicke ein Glas mit einer goldenen Flüssigkeit.  Es ist Bier und ich nehme einen großen Schluck aus dem Glas, bevor ich mich der Menschenmenge erneut zuwende.

Um mich herum ist es fast unerträglich still geworden. Nur noch zwei Stimmen, irgendwo hinten, ganz weit weg,  tuscheln, tauschen einige Worte. Die restlichen Stimmen sind verstummt. Sie warten. Warten darauf, was jetzt passieren wird.

Ein Zischen geht durch die Reihen und fordert die tuschelnden Stimmen auf, ebenfalls zu verstummen.

Doch sie hören nicht auf.

Das Zischen wird lauter und das Tuscheln verebbt.

Nun ist es still.

Wann habe ich das letzte Mal geatmet? Ich straffe die Schulter und versuche so, meinen Atem wieder fließen zu lassen. Es gelingt mir tatsächlich. Langsam, so scheint es, nimmt mein Hirn seine Arbeit wieder auf.

Die Hand mit dem Mikrofon wandert hinauf, und verharrt nur wenige Zentimeter vor meinem Mund.

Die Hand mit den Zetteln tut es der rechten Hand gleich. Meine Mundwinkel zucken und verwandeln sich in ein hilfloses Lächeln. Hoffentlich bemerkt niemand, was gerade in mir vorgeht.

Mein Blick schweift über die Menge und ich öffne langsam meine Lippen.

Noch einmal tief einatmen. Dann geht es los und ich beginne, die ersten Sätze des selbst verfassten Textes vorzulesen.

Ich lege eine Zwangspause ein, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, über den soeben vorgetragenen Witz zu lachen.

Dann wird es wieder ruhig im Saal.
Das Licht im Raum ist zu dunkel, sodass ich in der Zeile verrutsche. Plötzlich schnürt sich meine Kehle zu, als ich fortfahren will.

Oh nein! Das darf doch nicht wahr sein!

Blinzelnd suchen meine Augen die Stelle, die ich verloren habe. Buchstaben tanzen wild um mich herum. Ich will sie einfangen!
Sortieren, sodass sie vernünftige Worte ergeben.
Dann besinne ich mich wieder.
Die zwei Sekunden erscheinen mir wie eine Ewigkeit. Laut ausatmend finde ich die Stelle wieder, und fahre fort.

Der Rest des Textes fließt nicht mehr so, wie ich es zuvor geprobt hatte. Meine Stimme ist zittrig. Oder bin nur ich diejenige, die es so empfindet? Irgendwie hat mein Gehirn die restlichen Körperfunktionen wie Atmung, Herzschlag und Körpertemperatur nicht mehr unter Kontrolle. Doch ich mache weiter.

Nach drei Minuten ist der Spuk vorbei und das Geräusch vom einsetzenden Applaus lässt mich aufatmen.

Ein erleichtertes Lachen erfüllt mich.

Es ist vorbei.

Ich ziehe mein Resümee:

Wieso nur, bin ich so verdammt nervös gewesen, als ich den Text vor der versammelten Familie vorgetragen hatte?

Lampenfieber ist normal, und ich kenne niemanden, der sich dem erwehren kann. Zudem hatte ich bereits einige Präsentationen vor Publikum zum Besten gegeben. Es war also nicht das erste Mal. Das Gegenteil ist eher der Fall.

Doch so starke Empfindungen habe ich nur meiner Familie gegenüber.
Die Gefühle saßen so tief in mir, wie man sie nur geliebten Menschen gegenüber aufbringt.
Es ist wohl immer etwas Besonderes, wenn man seinen Eltern, die mit der gesamten Familie und Freunden ihre Goldene Hochzeit feiern, die eigenen Gefühle offenbart und seine Dankbarkeit ausspricht.

Maren G. Bergmann

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