Tagebuch Teil 3

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DAS KIRSCHENMÄDCHEN

Sie sitzt immer auf demselben Platz. Von den drei nebeneinanderliegenden Klappsitzen schafft sie es immer den ihr favorisierten Sitzplatz zu bekommen, sodass sie sich in die Ecke kuscheln kann. Schon seit geraumer Zeit steige ich ebenfalls immer in den gleichen Waggon.

Meistens setze ich mich ihr gegenüber und nehme, wenn möglich, den Sitzplatz in der Mitte. Dann kann ich sie besser betrachten.
Wenn ich mich umsehe und ich die Blicke der anderen Fahrgäste deuten soll, so wirken diese eher zurückhaltend. Teilweise sogar misstrauisch. Oftmals bleibt der direkte Sitzplatz neben ihr leer. Nur der dritte Platz ist ebenfalls besetzt, da er dieselben Eigenschaften wie ihr Sitzplatz besitzt. Nur eben spiegelverkehrt. Der Sitz in der Mitte ist hochgeklappt. Zwischen ihr und dem anderen Fahrgast, ein Anzugträger, der mit seinem Smartphone intensiv beschäftigt ist, klafft eine Lücke. Dadurch habe ich einen freien Blick aus dem Fenster und kann die Häuser und Bäume vorbeirauschen sehen. Doch ich sehe nicht aus dem Fenster. Sehe nicht die Bäume, wie deren Blattgrün immer dunkler wird und sich verfärbt, weil der Herbst sich langsam nähert. Sehe nicht die Häuser, an deren Fenstern die Gardinen noch zugezogen sind. Zu sehr ist mein Fokus auf das Kirschenmädchen fixiert.

Ein schmaler Lidstrich und schwarz getuschte Wimpern umranden ihre geschlossenen Augen. Überhaupt ist ihr Make-up eher dezent, da es sich sonst zu ihrer hellen Haut zu sehr abheben würde. Kein Rouge, dafür aber roter Lippenstift. Außerdem braucht sie auch nicht mehr davon, denn das würde nur von ihrem bunten Körperschmuck ablenken. Seidiges, schwarzes Haar legt sich auf ihre Schulter und ist adrett gekämmt, den Pony hat sie immer gerade geschnitten. Ihre Arme hat sie vor der Brust verschränkt, und um ihr linkes Handgelenk schlängelt sich der lederne Gurt der Handtasche. Sie erinnert mich entfernt an Schneewittchen, das gerade vom vergifteten Apfel gekostet hat. Oder wie der Kirschbaum, dessen Ernte bereits eingeholt wurde und nun langsam in den Winterschlaf fällt, bevor er im nächsten Sommer wieder zur vollen Pracht ausschlagen wird.

Das Kirschenmädchen scheint zu schlafen. Ihr Kopf ruht, nach hinten gegen das Fenster gelehnt und rutscht während der Fahrt gemächlich gegen die schmale Trennwand zu ihrer rechten, gefolgt von ihrem Oberkörper. Sollte sie diese Haltung länger beibehalten, prophezeie ich ihr leichte Verspannungen im Schulter-Nackenbereich.

Der Zug hält. Es steigen weitere Fahrgäste ein. Doch niemand nimmt den freien Platz neben ihr für sich in Anspruch. Mit einem Ruck fährt die Bahn wieder an, sodass es ihren Körper kurz durchschüttelt. Doch sie öffnet die Augen nicht. Stattdessen schmiegt sich ihr Kopf noch etwas mehr in die Ecke und sie träumt weiter. Wovon sie wohl gerade träumen mag? Schwarzwälder Kirschtorte vielleicht? Oder das nächste Kirschblütenfest?
Ich lächle in mich hinein. Das alljährliche Kirschblütenfest entlang des Sees wäre ein idealer Ort für sie. Da würde das Kirschenmädchen gut hinpassen. Vielleicht ist sie ja eine Kirschkönigin?

Fasziniert betrachte ich sie weiter. Entdecke immer wieder etwas Neues an ihr. Ungeniert kann ich sie mir ansehen, denn seit ich mich hingesetzt habe, hat sie nicht einmal die Augen geöffnet.

Mein Blick nimmt ihre Kleidung in Augenschein. Heute hat es ein wenig geregnet und sie trägt eine weiße Bluse und eine kurze Jeansjacke. Die Ärmel der Jacke hat sie hochgekrempelt, denn es ist noch nicht zu kalt. Das Revers, der Kragen und die Klappen über den Brusttaschen sind mit mehreren Broschen verziert. Es sind Kirschen.Einzelne Kirschen oder Kirschen die durch den Stiel miteinander verbunden sind. Sobald ein Sonnenstrahl auf die roten Steine trifft, lassen diese den Raum in den schönsten Rottönen erleuchten und hüllen sie ein. Das Kirschenmädchen reist in einer rot erleuchteten Blase aus Licht. Doch sie bekommt es nicht mit.

Meine Augen gehen weiter auf Wanderschaft.
Ihr linker Arm ist komplett tätowiert. Zumindest soweit ich es beurteilen kann und der hochgekrempelte Stoff die Sicht darauf freigibt. Unter anderem entdecke ich dort Kirschen in dem sehr farbenfrohen Tattoo.

Das linke Bein hat sie über das Rechte geschlagen. Da es warm ist, trägt sie keine Strumpfhose. Den engen schwarzen Minirock umringt eine rote Borte, auf dessen linke Seite prangt eine Kirsche. Ihre Füße stecken in Flip-Flops. Unweigerlich frage ich mich, ob sie eine Studentin ist, oder einem geregelten Job nachgeht. Doch zu dieser Frage wird sich wohl nie eine Antwort gesellen. Mein Blick bleibt auf ihren nackten Füßen haften. Die Zehennägel hat sie in einem kräftigen Rot lackiert. Kirschrot, vermute ich. Auf dem linken Spann prangt ein weiteres Tattoo. Es stellt zwei reife Kirschen da. Bei näherer Betrachtung sehe ich, dass diese Kirschen Münder haben. Münder, in denen eine Reihe spitzer Zähne zu sehen sind. Sie schreien. Nach was?
Rufen sie nach einer Person, die sie pflückt, damit man ihren süßen Geschmack nicht vergeudet?

Vielleicht hat dieses Tattoo eine besondere Bedeutung? Doch mir will sich der Sinn nicht ergeben.

Die Bahn hält erneut.

Ich erhebe mich, da ich nun aussteigen muss.

Auf Wiedersehen, Kirschenmädchen. Bis zum nächsten Mal.

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