Tagebuch Teil 2

Standard

Computerliebe

Es ist bereits nach zwanzig Uhr und im Fernseher läuft die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung, und so weiter, und so fort …

Das klappernde Geräusch begleitet meine Finger, während sie über die Tastatur huschen. Dieses Geräusch ist wie Balsam für meine Seele. Meine Fantasie treibt mich kontinuierlich in den tiefsten Abgrund. Und obwohl ich gerade an einem Bett gefesselt und eingesperrt in einem unterirdischen Bunker liege, beruhigt es mich. Irgendwie.

Während ich hier sitze, und die Buchstaben ihren magischen Auftritt auf dem imaginären Blatt Papier vor mir auf dem Monitor haben, steht eine andere Person plötzlich hinter mir und beobachtet mein Treiben.
Ich spüre seinen Blick im Nacken. Es hat den Anschein, als wollte er mich von hinten hypnotisieren. Sein stummes Drängen arbeitet sich in mein Gehirn vor, bis die Spannung zwischen uns zu stark für mich wird und mit einem lauten Knall, der nur in meinem Kopf zu hören ist, mich blinzeln lässt und ich mich gemächlich zurücklehne.  

»Hallo Spatz! Was gibt es?«, frage ich ihn mit einem zarten Lächeln auf den Lippen, während ich mich mit dem Bürostuhl zu ihm drehe. Natürlich weiß ich genau, was er will.

»Hab ich Post?«, fragt er lakonisch. Und damit ist nicht die Schneckenpost aus dem häuslichen Briefkasten gemeint.

Ich wende mich wieder dem Bildschirm zu, tippe mit dem Cursor der Maus auf die Lasche und das Emailprogramm öffnet sich. Obwohl ich die elektronische Post bereits vor fünf Minuten abgeholt hatte, rufe ich die Mails erneut ab, denn sonst würde er keine Ruhe geben. Es dauert keine fünf Sekunden, dann erzählt das Programm: keine neuen Mails.

Enttäuscht blickt er auf den Monitor. »Keiner mag mich«, und schlurft mit hängenden Schultern aus dem Zimmer.

Ich schreibe weiter.

»Nur dass du das weißt, ich brauche den Computer heute auch noch. Ich muss noch eine Email schreiben und vielleicht noch den Bericht fertigstellen«, werde ich wenig später grob unterbrochen.

Ich schrecke auf, war ich doch so in Gedanken versunken, dass ich sein Kommen nicht wahrgenommen hatte.

»Ja Schatz«, entgegne ich noch total verdattert, denn ich musste erst einmal meine Gedanken sortieren, die noch mit der Ausarbeitung eines Fluchtplans beschäftigt waren, bevor ich ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit widmen kann. »Ich bin gleich fertig. Dann darfst du ran.«

»Wieso nimmst du nicht dein Netbook? Ich wusste von Anfang an, dass du es nicht nutzt!«, entgegnet er vorwurfsvoll.

Die Stirn runzelnd blicke ich ihn an. »Wieso? Ich benutze doch das Netbook. Jeden Morgen nutze ich es«, ist meine Verteidigung auf seinen Tadel.

Wir schauen uns eine Minute schweigend an. Entdecke ich da gerade ein kleines Lodern in seinen Augen?

»Ich weiß, wie du es wieder gutmachen kannst«, entgegnet er mit einem süffisanten Lächeln.

Ich lächle schüchtern zurück. »Ach ja?«, und schaue ihn mit geschürzten Lippen von unten herauf an.

»Ja.«

»Erzähl! Du hast meine ungeteilte Aufmerksamkeit.«
Mit einem verführerischen Schwung, lege ich mein linkes Bein über das Rechte und mein rechter Fuß wandert zu seinem linken Hosenbein. Dabei spielen meine nackten Zehen mit dem Stoff, bis mein Fuß von unten in das Hosenbein wandert und ich neckisch versuche, ihn so zu mir zu ziehen.

»Wie wäre es, wenn du dir ein vernünftiges Laptop zulegst? Das ist dann nur für Dich.«

Das warme Gefühl weicht einem Kalten, als das Hosenbein meinen Fuß freigibt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s